Nahverkehr auf dem Land – ein Widerspruch

Auf dem Land gibt es kaum öffentlichen Nahverkehr, eine Beschäftigung ohne eigenes
Auto ist nicht möglich, so sagt man. Dem widerspreche ich und kann aus eigener
Erfahrung schildern, daß es auch anders geht. In der tiefsten Provinz im Osten Mecklenburgs nahm ich im April letzten Jahres
eine Arbeit auf. Zwanzig Wochenstunden sollten mein Budget als freischaffender
Künstler auffüllen. Fortan hatte ich als Kleinst-Dorfbewohner zwei- bis dreimal
die Woche eine Strecke von 18 Kilometern in unsere nächste Kleinstadt zurückzu-
legen. Unser Auto sollte stehenbleiben, von Wasser predigen und selbst Wein
trinken, sollte nicht gelten. Ich bin 64 Jahre alt, mich als jugendlichen Spinner
abzustempeln, wäre sicherlich verfehlt. Die ersten Tage radelte ich gegen 8.40 Uhr
zum sieben Kilometer entfernten Bahnhof, stellte mein Fahrrad ab und fuhr mit der
Bahn 15 Minuten zur nächsten Station. Dort erwartete mich ein 10minütiger Fußweg,
sodass ich meinen Dienst ab 9.30 Uhr beginnen konnte. Abends gegen 18 Uhr dies-
selbe Route zurück. Schon nach einer Woche stellte ich meinen Tourenplan um. Ich
verzichtete auf die Bahnstrecke und versuchte mich an einer frühmorgendlichen
Fahrradtour. In meiner Gepäcktasche verstaute ich Fahrradflickzeug, Regenjacke,
Luftpumpe, frisches T-Shirt, Getränk und Tagesproviant. Die Strecke verlief
idyllisch entlang eines kleinen Flußtals, motorisierter Verkehr begegnete mir
kaum, stattdessen romantische Sonnenauf- und untergänge. 18 Kilometer hügelige
Wald- und Wiesenwege mit zeitweiligen Blick auf den sich schlängelnden Fluss
pendelten sich bei 45 höchst angenehmen Pedal-Tret-Minuten ein. Nach einer kurzen
Katzenwäsche und frischem T-Shirt startete mein Arbeitstag höchst erfrischt und
energiegeladen. Die allabendliche Rücktour auf meinem 25 Jahre alten Touren-
Fahrrad versprühte die Lust auf Bewegung in romantischer Kulisse nach einem eher
sitzenden Tagesgeschäft. Sechs Monate als radfahrender Pendler  erhöhte meine
Lebenslust, Fitness und die Vorfreude auf die nächste Sommerzeit. Ab November wechselte ich in den Wintermodus. In der kalten Jahreszeit leben wir
ebenso in einem Kleinstdorf, allerdings 10 km weiter entfernt und abgelegener von
der besagten Kleinstadt. Das naßkalte Wetter und die längere Strecke veranlassten mich, die Route in
Teilstrecken mit Fahrrad, Bus und Bahn aufzuteilen. Das heißt morgens um 8.30 Uhr
auf den Sattel, um ebenso auf verkehrsfernen Wald- und Wiesenwegen nach 4,5
Kilometern das Fahrrad an der Bushaltestelle anzuschließen. Das kurze Warten in
winterlicher Kälte überbrücke ich mit Dehn- und Gelenkübungen, bevor ich im
Linienbus mit Wärme und einem gemütlichen Sitzplatz beschenkt werde. Kaum
losgefahren, nehme ich mein digitales Tagebuch aus der Tasche, verstärke mein
Sehvermögen mithilfe von geschliffenen Gläsern und blicke in mein inneres Wesen.
Was bewegt mich? Was soll heute aufgeschrieben werden? Manchmal sind es Ereignisse,
die sich unmittelbar im Linienbus ereignen, manchmal sind es Erinnerungen von
gestern. Ein Kurzreise-Tagebuch hält die Zeit fest und zieht mich in seinen Bann.
30 kurzweilige Minuten enden am ZOB und münden in den Regionalzug, der fünf
Minuten später den Neubrandenburger Bahnhof verläßt. Nach wiederum 15  Minuten
schreiblustiger Bahnfahrt, schließt sich ein 10minütiger Fußweg zu meiner
Arbeitsstelle an. Diese intensive Besinnungszeit während meines Dienstwegs möchte ich nicht mehr
vermissen. Jede Fahrminute im eigenen Auto käme mir als maximale Zeitverschwendung
vor. Meine sommerlichen Fahrrad-Touren sind der perfekte Ein- und Ausstieg in den
Arbeitstag und macht jedes Fitness Programm überflüssig.
Leo Kraus

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